„seine nähe/seine ferne“
„seine nähe/seine ferne“
Ein Nachruf auf Eugen Gomringer
Der Dichter Eugen Gomringer ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 100 Jahren in seiner Wahlheimat Bamberg. Gomringer zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikern, der Autor Max Frisch nannte ihn einst einen „Spracharbeiter“.
Eugen Gomringer, schweizerisch-bolivianischer Dichter, Jahrgang 1925 verstarb am Donnerstag, den 21.8. in Bamberg nach kurzer Leidenszeit. Er gilt als „Vater der konkreten poesie“ (Karl Riha), der mit dieser experimentellen Richtung der Poesie eine Anlehnung an die konkrete Kunst der 50er und 60er Jahre schuf. Als Herausgeber gelang ihm im Gespann mit Dieter Roth und Marcel Wyss ein gestalterischer Coup, als die drei aus ihrem Büro im Fußballstadion Wankdorf in Bern heraus die Literaturzeitschrift „Die Spirale“ herausgaben, die noch heute als Vorbild für die Verbindung von Gestaltung und Sprache gilt.
Gomringer war ein Weltbürger, der in der Urwaldstation Cachuela Esperanza an einem Seitenarm des Amazonas als Sohn einer Bolivianerin und eines Schweizers geboren wurde. Zur Erziehung wurde er als ältester von zwei Söhnen im Alter von zwei Jahren in die Schweiz zu den Großeltern geschickt, wo er aufwuchs, das Realgymnasium und später den Wehrdienst absolvierte. Er studierte Ökonomie und Kunstgeschichte in Bern und Rom, schrieb für verschiedene Zeitungen und veröffentliche seine bahnbrechenden ersten „konstellationen“, wie er seine Gedichte nannte, in den 50er Jahren. Weltweit bekannt sind die Ideogramme „schweigen“, „ping pong“ und seit einem Zensurdebakel in Berlin 2018 auch das Gedicht „avenidas“. Gastdozenturen und Lesereisen führten ihn in die ganze Welt und machten ihn 1986 auf Einladung Professor Wulf Segebrechts zum ersten Poetikprofessor der Universität Bamberg. Sein Leben lang verband Gomringer die künstlerische Arbeit mit wirtschaftlicher Aufgabe, so wurde er, nachdem er u.a. den Schweizer Werkbund leitete, Philip Rosenthals Kulturbeauftragter für die Rosenthal AG in Selb und war als solcher mit dem Aufbau der legendären Rosenthal Studios weltweit betraut sowie mit der Erfüllung der Zielsetzung: „Hundert Künstler für Rosenthal!“ Er zog mit seiner Familie zuerst ins Schloss Erkersreuth in Selb und später nach Wurlitz, wo er bis 2000 lebte. Im Rahmen der Arbeit für die Rosenthal AG wurde er gut bekannt mit Salvador Dalí, Andy Warhol, Henry Moore und Niki de SaintPhalle. Künstlerkontakte trugen Gomringer ein Leben lang, nachdem er in den 60er Jahren mit Max Bill die Ulmer Hochschule gegründet hatte und als dessen Sekretär u.a. Josef Albers zum Freund gewann. Der Dichter wurde Herausgeber für Albers’ berühmte Farbtheorie „Interaction of Color“. Gomringer war erster Professor für Ästhetiklehre an der Kunstakademie Düsseldorf bis 1990, danach Professor an der Hochschule für Gestaltung in Schneeberg. U.a. als Leiter und Kurator der Sommerakademien in Plauen gab er der Region, die er seit 1974 seine Wahlheimat nannte, Oberfranken und die Grenzlandregion, viel zurück. Der Stelenweg rund um den Weißenstädter See, der Texte aus Gomringers „Stundenbuch“ in Fichtelgebirgsgranit verewigt hat, ist Wahrzeichen der Region geworden. Von 2000 bis Herbst 2023 leitete Eugen Gomringer zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, der Germanistin Nortrud Gomringer, und seinem Sohn Stefan das IKKP im Kunsthaus Rehau; ein Galerie- und Archivbetrieb, der die Welt nach Rehau lockte im Zeichen konkret-konstruktiver Kunst. Am 20.1.2025 wurde sein Geburtstag in einem großen Empfang in der Akademie der Künste Berlin und einer Ausstellung seiner Sammlung im Rathaus Rehau gefeiert. Seit 2018 findet sich sein literarischer Vorlass im Schweizerischen Literaturarchiv in der Nationalbibliothek in Bern.
Gomringer ist Vater von einer Tochter und sieben Söhnen aus verschiedenen Verbindungen. Sein letztes Lebensjahr verbrachte der Dichter im Wilhelm-Löhe-Heim am Heinrichsdamm. Wer gerne den Bamberger Dom besucht, kann sich dort derzeit noch an einem Banner erfreuen, das ein Zitat Gomringers zeigt: „seine nähe/seine ferne“. Dieses wurde im Rahmen der Feier der „Laudato Sí“-Enzyklika als Zeichen der Nachhaltigkeit von Poesie, die der Gesellschaft als Bereicherung gelten soll, als Fahnen- und Banneraktion veröffentlicht.
Foto: Dichter Eugen Gomringer
Fotografiert von Jacobia Dahm