Früher war alles anders. Sagen die Alten. Mit Wehmut. Und manchmal mit jener leicht verdächtigen Verklärung, die der Vergangenheit grundsätzlich bessere Manieren, bessere Musik und bessere Menschen zuschreibt. Aber bei der Lektüre des aktuellen Freizeit-Monitors der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen kann selbst dem überzeugten Gegenwartsfan etwas mulmig werden.
„Freunde treffen verliert an Bedeutung“, lautet eine der Schlagzeilen. 1986 gaben noch 37 Prozent der Befragten an, regelmäßig mit Freunden unterwegs zu sein. Heute sind es 19 Prozent. Gleichzeitig gewinnen Internet, Handy, Social Media, Streaming und Computerspiele an Bedeutung. 71 Prozent nutzen mindestens einmal pro Woche soziale Medien, 2016 waren es 48 Prozent. Und inzwischen nutzt mehr als jeder Dritte regelmäßig Videospiele. Das muss noch kein Untergang des Abendlandes sein. Schließlich ist auch Erholung ein menschliches Bedürfnis. Und dass heute mehr Menschen Sport treiben, Museen besuchen oder Konzerte und Festivals frequentieren, darf durchaus als erfreuliche Nachricht gelten. Sogar das Nichtstun erlebt eine Renaissance: 62 Prozent nennen Chillen oder Faulenzen als Teil ihrer Freizeit.
Nur stellt sich aber die Frage, was verloren geht, wenn die klassische Geselligkeit verschwindet. Denn Geselligkeit ist mehr als ein Bier am Stammtisch oder ein gemeinsames Abendessen. Sie ist eine Schule des Zusammenlebens. Wer mit anderen am Tisch sitzt, muss zuhören. Wer mit Freunden unterwegs ist, erlebt, dass die eigenen Bedürfnisse nicht immer zuerst kommen. Wer gemeinsam einen Verein organisiert, ein Fest auf die Beine stellt oder in einer Mannschaft spielt, lernt, dass man mit Menschen auskommen muss, die anders denken, anders handeln und manchmal schlicht nerven.
Das Entscheidende daran: Im wirklichen Leben gibt es keine Kommentarfunktion, mit der man den anderen einfach ausblenden kann.
Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen aufeinandertreffen. Wo diskutiert, gelacht, gestritten und sich wieder vertragen wird. Wo man Kompromisse schließt, obwohl man lieber recht behalten hätte. Teamgeist fällt nicht vom Himmel. Mannschaftsgeist entsteht nicht durch eine App. Und Engagement für eine gemeinsame Sache entwickelt sich schwerlich, wenn das Freizeitideal vor allem darin besteht, möglichst individuell und jederzeit verfügbar zu sein.
Wir sollten nicht allzu nostalgisch werden. Aber aufmerksam.
Wenn wir wollen, dass Kinder und Erwachsene Teamwork, Solidarität, Rücksicht und Kompromissbereitschaft lernen, müssen wir ihnen Gelegenheiten dafür geben. Nicht nur digital, sondern im wirklichen Leben.
Also: Verabreden wir uns. Gehen wir in den Verein. Sitzen wir länger am Tisch. Laden wir Nachbarn ein. Gehen wir gemeinsam ins Konzert, ins Stadion oder einfach auf ein Bier. Und wenn es manchmal ein bisschen anstrengend wird: umso besser.
Denn wie schon Aristoteles wusste: „Der Mensch ist von Natur aus ein geselliges Wesen.“
Es Schorschla möchte noch etwas hinzufügen: Pflegt die Geselligkeit. Bevor wir eines Tages feststellen, dass wir zwar mit der ganzen Welt verbunden sind – aber niemanden mehr haben, mit dem wir das Leben richtig genießen können.

