Mathe: Setzen, Sechs!
Die Mathematik ist bekanntlich eine exakte Wissenschaft. Jedenfalls so lange, bis sie in die freie Wildbahn der Politik entlassen wird. Dort verwandeln sich nüchterne Zahlen in elastische Wesen mit erstaunlicher Dehnbarkeit. Prozente springen wie Gummibälle, Milliarden schrumpfen oder wachsen je nach Tagesform, und irgendwo zwischen Haushaltsdebatte und Pressekonferenz verliert selbst die simpelste Grundrechenart ihre Unschuld.
Nehmen wir die berühmten 600 Prozent. Eine Zahl, die klingt, als hätte sie ordentlich gefrühstückt. In der Schule lernte man noch: 100 Prozent sind das Ganze. 200 Prozent sind doppelt so viel. 600 Prozent? Nun ja, sechsmal so viel. Ein stolzer Wert, der sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt. Doch im politischen Rechenzentrum gilt eine andere Arithmetik: 600 Prozent mehr sind offenbar genauso plausibel wie 600 Prozent weniger – was streng genommen – bedeuten würde, dass man nicht nur alles einspart, sondern noch etwas obendrauf aus dem Nichts zurückerstattet. Eine Art mathematisches Perpetuum mobile, nur ohne Energieerhaltungssatz.
Historisch gesehen ist das kein Einzelfall. Schon immer hatten Menschen ein kreatives Verhältnis zu Zahlen. Im Mittelalter wurde mit Münzen gerechnet, deren Wert vom jeweiligen Herrscher und seiner Laune abhing. Später erfand man die „kreative Buchführung“, ein System, bei dem Verluste zu Chancen und Schulden zu Investitionen mutierten. Und irgendwo dazwischen muss jemand beschlossen haben, dass Prozentrechnung eigentlich eher ein Vorschlag als eine Regel ist.
Auch im Alltag begegnen uns solche Rechentricks. „Bis zu 70 Prozent reduziert!“ liest man im Schlussverkauf – und findet dann genau ein Paar Socken, auf das diese Aussage zutrifft. Oder die berühmten Durchschnittswerte: Wenn drei Menschen nichts verdienen und einer eine Million, geht es allen „im Schnitt“ blendend. Statistik ist eben die Kunst, eine Wahrheit so lange zu falten, bis sie in die gewünschte Schublade passt.
Besonders reizvoll wird es, wenn große Zahlen ins Spiel kommen. Milliarden etwa. Sie sind so abstrakt, dass sie sich hervorragend eignen, um Eindruck zu machen. Ob es nun zehn Milliarden mehr oder weniger sind – wer kann das schon im Alltag nachfühlen? Ein Brötchen bleibt ein Brötchen, egal ob der Staatshaushalt gerade mathematisch explodiert oder implodiert.
Doch zurück zu den 600 Prozent. Stellen wir uns vor, wir würden tatsächlich 600 Prozent auf alles einsparen. Die Miete? Nicht nur kostenlos, der Vermieter zahlt Ihnen noch Geld dafür, dass Sie wohnen. Der Einkauf? Sie verlassen den Supermarkt mit vollen Taschen und einem Bonusguthaben. Steuern? Das Finanzamt überweist Ihnen monatlich eine kleine Aufmerksamkeit, einfach so, aus mathematischer Großzügigkeit.
Kurz gesagt: Wir hätten endlich die Quadratur des Kreises geschafft – und nebenbei auch noch den Kapitalismus durch eine besonders schwungvolle Prozentrechnung ersetzt. Der einzige Haken: Irgendjemand müsste diese minus 500 Prozent irgendwo wieder herzaubern. Aber keine Sorge – dafür findet sich bestimmt auch noch eine passende Formel.

