Es gibt Berufe, da gilt Kreativität als die geheime Superkraft. Werbeagenturen leben davon, Architekturbüros auch, selbst der Barista um die Ecke darf sich gelegentlich in Milchschaum-Poesie austoben. Und dann gibt es Tätigkeiten, bei denen Kreativität ungefähr so willkommen ist wie ein Clown auf der Intensivstation. Auch hier hat es Schorschla ein Beispiel parat. Die Stimmauszählung bei Wahlen!
Der Wahlhelfer an sich ist ja ein bewundernswertes Wesen. Früh aufstehen, lange sitzen, konzentriert bleiben, während andere längst den Sonntagsbraten verdauen – das verlangt Disziplin. Gerade in Franken. Doch irgendwo zwischen dem dritten Stapel Stimmzettel und der siebten Tasse Kaffee schleicht sich offenbar bei
a.manchen
ein Gedanke ein: „Was wäre, wenn wir das Ganze mal… etwas flexibler sehen?“
Ein Kreuz ist ein Kreuz, sollte man meinen. Zwei Kreuze sind zwei Kreuze – und damit in der Welt der Wahlen auf Höhe der Parteien vor allem eines: ungültig. Punkt. Ende. Aus. Doch genau hier beginnt für manche der kreative Spielraum. Vielleicht wollte er seine Stimmen gerecht aufteilen. Fifty-Fifty, wie es neudeutsch heißt. Vielleicht war diese Wahl auch ein Zeichen innerer Zerrissenheit? Da könnte man die Stimmen doch einfach aufteilen, dann wäre dieser Urnengang nicht umsonst gewesen. Jeder kriegt ein bisschen was, wie beim Kuchenbuffet.
Das Problem ist nur: Unsere Demokratie ist kein Kuchenbuffet. Sie ist eher ein Uhrwerk. Zahnräder greifen ineinander, jedes Ergebnis hängt vom vorherigen ab. Wenn nun jemand beschließt, ein Zahnrad ein wenig „kreativ“ zu interpretieren, läuft am Ende nicht eine originellere Uhr – sondern gar keine mehr.
Die Vorstellung, man könne erraten, „was der Wähler wohl gemeint hat“, hat etwas Rührendes. Fast schon Philosophisches. Doch sie führt direkt in den Abgrund der Beliebigkeit. Denn wenn Interpretation über Regel steht, wird aus Auszählung schnell ein Ratespiel. Und aus einem klaren Ergebnis ein politisches Jenga: Ein Sitz wackelt hier, einer fällt dort um, und am Ende schaut man ratlos auf ein Gebilde, das niemand mehr so recht erklären kann.
Es Schorschla hat die Umstände des Bamberger Stadtrats-Sitze-Monopoly etwas recherchiert und kommt zu einem klaren Ergebnis. Die Wahlhelfer-Kernkompetenz basiert auf dem Gegenteil von Kreativität. im konsequenten Nicht-Nachdenken über Alternativen. Regeln anwenden, auch wenn sie langweilig sind. Es ist eine stille, unspektakuläre Form von Professionalität – und vielleicht gerade deshalb so schwer durchzuhalten.
Denn seien wir ehrlich: Kreativität fühlt sich gut an. Sie gibt uns das Gefühl, Probleme lösen zu können, wo eigentlich keine Lösung vorgesehen ist. Doch nicht jedes System braucht neue Ideen. Manche brauchen vor allem eines: Verlässlichkeit.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus solchen Episoden. Dass es Bereiche gibt, in denen „einfach richtig zählen“ nicht die kleinste, sondern die größte Leistung ist. Und dass der Moment, in dem jemand denkt „Das machen wir jetzt mal anders“, genau der Moment ist, in dem es besser wäre, kurz innezuhalten – und sich streng an die Anleitung zu halten.
Oder, um es weniger poetisch zu sagen: Manchmal ist die langweiligste Lösung die einzig demokratische.

