Die Bundesregierung drückt kurz vor der Sommerpause aufs Tempo. Rente, Pflege, Krankenkassen, Lebensarbeitszeit – die großen Baustellen des Landes werden angepackt. Und mittendrin ein Thema, das zuverlässig für hitzige Debatten sorgt: die Krankschreibung.
Künftig soll die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend sein. Gleichzeitig steht die telefonische Krankschreibung vor dem Aus. Ein Vorschlag, der Arbeitgeber aufhorchen lässt – und Arbeitnehmer auf die Barrikaden bringt.
Die einen sagen: Endlich! Die Krankenquote ist hoch, Fehlzeiten kosten Unternehmen Milliarden. Wer wirklich krank ist, kann schließlich auch zum Arzt gehen. Und schwarze Schafe gibt es nun einmal. Der berühmte „Montagsschnupfen“ oder die spontane Erkrankung bei strahlendem Badewetter gehören schließlich genauso zur deutschen Folklore wie die Diskussion über das Wetter selbst.
Die anderen fragen: Wird hier ein Problem bekämpft, das es in dieser Größenordnung gar nicht gibt? Der Sozialverband VdK spricht von einer „Misstrauenskultur“. Präsidentin Verena Bentele kritisiert, die Regierung unterstelle den Menschen pauschal, den Sozialstaat zum Blaumachen auszunutzen. Dabei sei genau das nicht die Realität. Vielmehr würden sich viele Beschäftigte ohnehin krank zur Arbeit schleppen – aus Pflichtgefühl oder aus Angst vor schiefen Blicken.
Tatsächlich spricht einiges für diese Sicht. Die telefonische Krankschreibung macht nach Angaben des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lediglich rund ein Prozent aller Krankschreibungen aus. Ihr eigentlicher Zweck ist ein anderer: ansteckende Patienten gar nicht erst ins Wartezimmer zu schicken. Wer mit Fieber und Husten zwischen Senioren, Kindern und chronisch Kranken sitzt, hilft am Ende niemandem.
Andererseits kennen auch Arbeitgeber ihre Realität. Gerade kleinere Betriebe leiden unter kurzfristigen Ausfällen. Wenn Personal fehlt, müssen Kollegen einspringen, Termine verschoben oder Aufträge abgesagt werden. Vertrauen ist wichtig – Kontrolle manchmal eben auch. Wer jeden Montag mit einer „mysteriösen Migräne“ glänzt, macht es den ehrlichen Beschäftigten nicht leichter.
Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen den Extremen. Es gibt Arbeitnehmer, die jede Erkältung tapfer ignorieren und selbst mit Taschentuchbergen noch Videokonferenzen bestreiten. Und es gibt jene, die bei leichtem Halskratzen schon vorsorglich das Sofa reservieren. Ebenso gibt es Arbeitgeber, die Verständnis zeigen und Gesundheit ernst nehmen. Und andere, bei denen man sich selbst mit 39 Grad Fieber noch rechtfertigen muss.
Vielleicht wäre deshalb weniger Misstrauen und mehr Augenmaß der bessere Weg. Denn weder sind alle Arbeitnehmer potenzielle Blaumacher, noch alle Arbeitgeber herzlose Antreiber. Wer krank ist, sollte sich auskurieren dürfen – auch im Interesse der Kollegen. Wer gesund ist, sollte arbeiten. Eigentlich klingt das erstaunlich einfach. Wäre da nicht die deutsche Leidenschaft, aus jeder Krankschreibung eine Grundsatzdebatte zu machen.
