Der DFB hat es also tatsächlich getan. Jürgen Klopp übernimmt die Nationalmannschaft. Bis mindestens 2030. Die Erwartungen in dieser Personalie sind nahezu maßlos. Das ist allerdings deutsche Fußballtradition. Der Bundestrainer soll gleichzeitig Taktikgenie, Motivator, Nachwuchsförderer, Medienprofi, Diplomat und im Idealfall auch noch Wettergott sein. Gewinnt er, ist er ein Held. Verliert er ein Viertelfinale, wird über seine Zukunft diskutiert.
Dabei begann die Reise nach dem Sommermärchen einst so verheißungsvoll. Joachim Löw führte Deutschland 2014 in Rio auf den Fußballgipfel. Weltmeister. Das Maß aller Dinge. Sieben Tore gegen Brasilien, Götzes Finale, goldene Generation – schöner wird es vermutlich nie wieder. Leider wollte danach niemand den Stecker aus der Nostalgie ziehen. Die Mannschaft alterte, der Fußball entwickelte sich weiter, der Bundestrainer hielt erstaunlich lange an Verdiensten fest. Das Ergebnis: das historische Vorrunden-Aus 2018. Plötzlich war aus der Turniermannschaft eine Touristenmannschaft geworden.
Dann kam Hansi Flick. Beim FC Bayern hatte er alles gewonnen, was sich gewinnen ließ. Beim DFB verlor er erstaunlich oft gegen Mannschaften, deren Einwohnerzahl kaum ein Bundesliga-Stadion füllt. Die Idee war gut, die Ergebnisse eher zum Vergessen.
Julian Nagelsmann brachte frischen Wind. Endlich wieder moderne Trainingsmethoden, mutige Entscheidungen und Sätze, die selbst Taktik-Nerds dreimal lesen mussten. Die Heim-EM machte tatsächlich wieder Lust auf die Nationalmannschaft. Man spielte gefällig, engagiert und manchmal sogar begeisternd. Nur dieser eine kleine Schönheitsfehler blieb: Den Pokal stemmte wieder jemand anderes.
Und jetzt also Klopp. Allein sein Lachen dürfte in den ersten Tagen mehr Zuversicht verbreiten als manche DFB-Pressekonferenz der vergangenen Jahre. Klopp ist schließlich das komplette Gegenmodell zum Funktionärsdeutsch. Er spricht Klartext, reißt Menschen mit und schafft das Kunststück, selbst nach einer Niederlage noch Optimismus zu versprühen. Wo andere Statistiken erklären, erklärt Klopp Fußball. Wo andere Prozesse beschwören, entfacht er Leidenschaft.
Natürlich wird auch er keine Wunder vollbringen. Er kann keine Weltklasse-Außenverteidiger backen und auch nicht dafür sorgen, dass jeder erste Kontakt aussieht wie früher bei Andrés Iniesta. Aber Klopp hat etwas, das sich der DFB in den vergangenen Jahren oft mühsam zusammenmoderieren wollte: Glaubwürdigkeit. Wenn er von Zusammenhalt spricht, glaubt man ihm. Wenn er Leidenschaft fordert, lebt er sie vor. Und wenn er an seine Mannschaft glaubt, glauben die Spieler irgendwann ebenfalls daran.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied. Die Nationalmannschaft braucht keinen Fußballprofessor mehr, der das Spiel bis auf den letzten Zentimeter zerlegt. Sie braucht jemanden, der aus elf guten Fußballern wieder eine Mannschaft macht. Einen Trainer, bei dem das Pressing nicht nur ein taktisches Mittel ist, sondern eine Lebenseinstellung.
Natürlich wird es Rückschläge geben. Irgendwann verliert auch Klopp ein Spiel. Dann werden dieselben Experten, die heute von einem Jahrhundertcoup sprechen, erklären, warum sie das alles schon immer kritisch gesehen haben. Das gehört in Deutschland so zuverlässig zum Fußball wie der Stau auf dem Weg ins Stadion.
Bis dahin aber darf man sich einfach einmal freuen. Der DFB hat nicht irgendeinen Trainer verpflichtet, sondern den wohl charismatischsten deutschen Fußballbotschafter der vergangenen zwanzig Jahre. Einen Mann, der aus Zweiflern Überzeugte macht und aus Mannschaften verschworene Gemeinschaften.
Und sollte ausgerechnet Jürgen Klopp den deutschen Fußball nicht wieder in die Erfolgsspur führen, dann wird man wohl endgültig akzeptieren müssen, dass das Problem tiefer liegt als auf der Trainerbank. Denn mehr Begeisterung, mehr Kompetenz und mehr Energie lassen sich derzeit kaum verpflichten. Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Wenn es mit Klopp nicht klappt, dann kann vermutlich wirklich keiner mehr helfen. Denn wenn einer dem deutschen Fußball wieder Flügel verleihen kann, dann ist es ausgerechnet der Mann, der seit Jahren beweist, dass Begeisterung manchmal der stärkste Energydrink von allen ist.
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