Es ist ja nicht so, dass es aktuell an wirklich großen Problemen mangelt. Man muss nur morgens das Handy entsperren und wird zuverlässig begrüßt von einer Welt, die sich entschieden hat, kollektiv durchzudrehen. Kriege, Krisen, Klimakapriolen – die Schlagzeilen lesen sich wie das Drehbuch einer besonders düsteren Serie, ohne Abspann und ohne die beruhigende Gewissheit, dass alles nur gespielt ist. Und genau in diesem Moment, irgendwo zwischen „Eilmeldung“ und „Analyse“, schiebt sich eine Nachricht in den Feed, die so herrlich klein ist, dass es Schorschla sie fast übersehen hätte: Ein Nachtfahrverbot für Mähroboter. Ehrlich gefordert vom Deutschen Städtetag.
Ein Thema, das – ganz offen geschrieben – in der globalen Rangliste der Sorgen ungefähr zwischen „Socke in der Waschmaschine verschwunden“ und „Joghurtdeckel reißt nicht sauber ab“ rangiert. Und doch entfaltet es eine seltsame Sogwirkung. Plötzlich ist da ein Igel. Ein kleiner, kugeliger Sympathieträger, der bei Gefahr nicht flieht, sondern sich einrollt – ein Verhalten, das man angesichts der Weltlage spontan nachvollziehen kann. Der Mähroboter hingegen kennt keine Empathie. Er kennt nur Rasen. Und so wird aus Hightech-Gartenpflege ein moralisches Dilemma auf zwei Rädern.
Man liest weiter. Petitionen! Studien! Kommunale Regelungen! Ein Flickenteppich der Igelpolitik! Ehe man sich versieht, hat man fünf Minuten damit verbracht, über die nächtlichen Bewegungsmuster von Kleintieren nachzudenken – und keine einzige über geopolitische Eskalationen.
Ist das Verdrängung? Vielleicht. Ist es nötig? Wahrscheinlich. Die Gartensaison steht ja vor der eigenen Haustür!
Unser Gehirn ist kein Nachrichtenarchiv, das unbegrenzt Katastrophen speichern kann und sollte. Irgendwann ist es einfach voll. Wenn dann noch ein bisschen Platz frei ist, warum ihn nicht mit etwas füllen, das zumindest ansatzweise lösbar wirkt? Ein Mähroboter lässt sich schließlich programmieren. Die Weltlage eher nicht.
Diese kleinen, scheinbar überflüssigen Nachrichten sind wie mentale Snackpausen. Sie haben keinen großen Nährwert, aber sie verhindern, dass man komplett verhungert. Emotional gesprochen. Sie geben einem das Gefühl, dass es noch Themen gibt, bei denen eigenes Engagement tatsächlich einen Unterschied machen könnte. Heute der Igel im Garten, morgen ein paar aufmunternde Worte für einen guten Freund in einer Lebenskrise, übermorgen die Teilnahme beim Müllwegräumen am Main oder an der Regnitz. Natürlich löst das nicht die großen Probleme. Kriege verschwinden leider nicht, weil jemand seinen Rasenmäher nachts abstellt. Aber vielleicht verschwindet für einen Moment dieses lähmende Gefühl, dass ohnehin alles außer Kontrolle ist.
Vielleicht ist es also gar keine so schlechte Idee, das eigene Gehirn gelegentlich mit ein bisschen Unsinn zu füttern. Mit Diskussionen über Gartengeräte, mit Empörung über Laubbläser, mit der leisen Hoffnung, dass wenigstens der Igel eine Chance hat. Nicht, um die Realität auszublenden – sondern um sie auszuhalten. Oder sie kurz zu vergessen. Denn wer sich ausschließlich mit dem Schrecklichen beschäftigt, läuft Gefahr, selbst daran zu zerbrechen.
Man könnte auch sagen: Während die Welt brennt, retten wir zumindest den Igel. Für den Wal hat es ja wohl nicht gereicht. Aber das ist ein anderes Thema. Das am verlängerten Osterwochenende auch die eine oder andere Kriegsmeldung aus den heute-Nachrichten verdrängt hat. Leider ohne Happy End. Es Schorschla jedenfalls hat das schöne Wetter für etwas ganz Wildes genutzt. Einen Nachrichten-Blackout. Einfach gar keine Medien genutzt, kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitung, keine social networks. Ein bisschen Gartenarbeit. Rasen vertikutiert und angesäht. Übrigens ganz ohne Roboter. Geht auch. Und macht sogar Spaß. In diesem Sinne: Ein Hoch auf den Frühling!

