Heiligabend anno dazumal –
Wie die Menschen in Oberfranken früher die Bescherung begangen haben
Von Fabian Brand
Heutzutage ist der Heiligabend für viele Menschen ein sehr wichtiger Termin im Festkalender der Familie. Oftmals stehen ein üppiges Essen und die Bescherung im Mittelpunkt. Dazu kommen wichtige Requisiten wie der Christbaum, die Krippe oder weihnachtliche Musik. All das bildet heute den Rahmen für viele Familienfeiern am Heiligabend. Doch noch im 19. Jahrhundert und vielerorts auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sah der Heiligabend noch ganz anders aus. Ein Blick in längst vergangene Zeiten bei uns in Oberfranken.
Während gegenwärtig viele Häuser schon spätestens zum ersten Advent weihnachtlich dekoriert und geschmückt werden, war der Hausschmuck bei den Altvorderen nicht sehr üppig. Meist stellte man erst zum Heiligabend einige Zweige von Nadelgehölz in die Stube. Diese wurden mit Strohsternen oder anderem selbstgebasteltem Schmuck dekoriert. Bunte Lichterketten oder andere Dekoobjekte hat es früher jedenfalls nicht gegeben! Man schmückte die Wohnung mit den Dingen, die in der kargen Zeit vorhanden waren. Kein Wunder, dass man sich früher sogar Äpfel an den Christbaum hängte. Nicht nur, dass vielerorts Äpfel lange eingelagert wurden und deshalb vorhanden waren. Der Apfel hatte auch eine symbolische Bedeutung: Da man am Heiligabend im Heiligenkalender der Kirche auch an Adam und Eva dachte, konnte der Apfel als Anspielung auf das verlorene Paradies verstanden werden. Mehr noch: Er war eine Erinnerung daran, dass das Paradies durch die Geburt Jesu wieder offensteht und die Menschen durch Weihnachten erlöst sind. So, wie das auch in einem der alten Weihnachtslieder heißt: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Kerub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob Ehr und Preis“. Dinge, die man sowieso besaß, wurden zum Schmuck – und wiesen damit auf die hohe Bedeutung der Weihnachtszeit hin.
Apropos Christbaum: Der geschmückte Baum, der heute an Weihnachten in beinahe jeder Wohnung zu finden ist, ist noch gar nicht so alt!
Zwar wurden schon im 16. Jahrhundert in einigen Städten prächtige Tannen oder Fichten aufgestellt. Doch in den Privathaushalten setzte sich der Christbaum erst im 18. Jahrhundert langsam durch. Hier waren es zunächst die wohlhabenden Haushalte, die sich einen solchen „aufgeputzten“ Baum leisten konnten. Bei der einfachen Landbevölkerung setzte sich dieser Brauch erst nach und nach durch. Im Gegensatz zu heute, wo man den Christbaum für eine beliebig lange Zeit stehen lässt, galten damals mehr oder minder klare Regeln: Der Christbaum wurde am Nachmittag des 24. Dezember aufgestellt und blieb dann oft bis Dreikönig stehen. In manchen Familien hatte sich auch eingebürgert, den Baum bis Mariä Lichtmess am 2. Februar stehen zu lassen. Glaskugeln als Schmuck gab es früher übrigens auch noch nicht. Stattdessen schmückte man auch den Baum mit den Dingen, die eben vorhanden waren: Äpfel, Nüsse, getrocknete Früchte, Papiersterne oder einfach Holzfiguren und natürlich Kerzen aus echtem Bienenwachs gehörten zu jedem Christbaum dazu. Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Glasbläser im thüringischen Lauscha mit der Herstellung von Glaskugeln als Christbaumschmuck. Ab den 1860er Jahren wurden die Kugeln über Händler vertrieben. Da wir in Oberfranken doch sehr nah an Lauscha liegen, ist es sehr wahrscheinlich, dass man in unserer Gegend schon sehr früh auf Christbaumkugeln aus Glas zurückgreifen konnte. Wer es sich leisten konnte! Das Budget der Familien war früher wesentlich niedriger als heute und man gab sich mit dem Einfachsten zufrieden.
Den Christbaum holte man sich damals auch noch aus dem eigenen Wald – wer einen besaß. Und wer keinen Wald sein Eigen nennen konnte, der bediente sich einfach bei anderen. Diese Praxis erregte aber schon früh Widerspruch: Schon vor mehr als zweihundert Jahren sollten die Förster besonders um Weihnachten den Wald hüten, damit sich nicht jeder einfach am Baumbestand bedienen konnte. Denn das war in vielen Fällen auch früher schon Diebstahl! Die noblen Nordmanntannen, die heute vielfach aus den skandinavischen Ländern importiert werden oder von deutschen Plantagen stammen, gab es damals noch nicht. Vielmehr gab man sich mit einer Fichte zufrieden, einem „Fichtla“, wie man in Oberfranken sagt. Später kamen auch Kiefern in Mode, wobei man häufig beim „Fichtla“ blieb, das manchmal auch krumm und schief gewachsen war.
Der Heiligabend gehört streng genommen noch zur Adventszeit. Und der Advent ist von seinem Ursprung her eine Buß- und Fastenzeit. Deswegen trägt man im Gottesdienst auch die violetten Gewänder – dieselbe Farbe, die man auch in der österlichen Fastenzeit verwendet. Der Advent endet erst mit der Christmette, die spät in der Nacht gefeiert wird. Deswegen war das Mahl am Heiligabend oft ein Fastenmahl und entsprechend karg. Wenn heute noch vielerorts „Wienerla und Ärpfelsalat“ am Heiligabend auf den Tisch kommt, entspricht das eben dieser Fastenpraxis. Das große Festmahl wurde dann auch erst am Weihnachtsfeiertag serviert. Auch der Weihnachtskarpfen, der auch heute noch oft am Heiligabend aufgetischt wird, hängt mit dem Fasten zusammen. In der Fastenzeit wurde auf Fleisch verzichtet. Und deswegen gab es am Heiligabend oft einen Fisch – zum Beispiel eben einen Karpfen, der bei uns vor allem im Aischgrund weit verbreitet ist.
Natürlich gab es auch schon früher am Heiligabend eine Bescherung. Diese fiel allerdings weit übersichtlicher aus, als das heute mancherorts der Fall ist. Man hatte einfach nicht die finanziellen Möglichkeiten, um sich große Geschenke zu machen. Stattdessen waren die Weihnachtsgeschenke oft sehr bescheiden und oft selbstgemacht. Die Kinder bekamen Spielzeug aus der hauseigenen Werkstätte, zum Beispiel Holzpferdchen, Puppen oder kleine Spielzeugfiguren. Man verschenkte Gebäck und Süßigkeiten, wie Lebkuchen oder Plätzchen. Und oftmals lagen ganze praktische Sachen unter dem Christbaum: ein paar selbstgestrickte Socken, Handschuhe, Mützen oder kleine Kleidungsstücke. Es war halt eine karge Zeit früher, die nicht mehr vergleichbar ist mit der heutigen Konsumgesellschaft, wo man schon wenige Tage nach Weihnachten wieder in die Stadt fährt, um nicht passende Geschenke umzutauschen. Früher war man zufrieden, wenn man sich überhaupt etwas schenken konnte. Keiner wäre darauf gekommen, ein paar Socken zu verweigern, nur weil diese ein bisschen zu groß ausgefallen sind!
Zum Foto: Während der Christbaum noch relativ jung ist, gehört die Krippe schon seit vielen hundert Jahren zum Weihnachtsfest dazu. Hier eine Darstellung aus der diesjährigen Krippenausstellung in der Bamberger Maternkapelle.
Foto: Fabian Brand

