Longevity ist das neue Yoga. Es Schorschla hat das Gefühl, dass jeder, der heute nicht mindestens drei Podcasts über Zellverjüngung abonniert, zwei Nahrungsergänzungsmittel geschluckt und einmal kalt geduscht hat, praktisch als aus der Zeit gefallen gilt. Als antiquiert. Fast schon fossil. Das eigene Leben als Excel-Tabelle mit hübschen Kurven nach oben – Lebensjahre rauf, Falten runter, Laune konstant bei „entspannt“.
In dieser schönen neuen Welt tritt dann jemand wie der US-amerikanische Autor und Gesundheitsapostel an Bryan Johnson auf den Plan und zeigt, was möglich ist, wenn man
das Altern wirklich ernst nimmt. Sein Körper: ein Gemeinschaftsprojekt aus Daten, Disziplin und der festen Überzeugung, dass der Tod im Grunde nur ein technisches Problem ist. Frühstück? Berechnet. Schlaf? Vermessen. Blutwerte? Öffentlich dokumentiert wie ein Börsenkurs. Man hat fast den Eindruck, er lebt nicht – er betreibt sich.
Dabei war Altern früher herrlich simpel. Man wurde älter, bekam graue Haare, erzählte dieselben Geschichten zweimal und wusste irgendwann genau, wo es im Knie zieht, wenn das Wetter umschlägt.
Die moderne Heilslehre verspricht viel: 100 ist das neue 70, 70 das neue 50, und 50 fühlt sich ohnehin an wie 30. Leider hat der Schorschla-Körper seine eigene Meinung und äußert diese gerne ungefragt. Ein kleines Ziehen hier, ein Knacken dort. Man könnte fast meinen, er wolle daran erinnern, dass er kein Start-up ist, sondern ein Gebrauchtmodell mit bewegter Geschichte.
Und doch: So ganz unvernünftig ist der Wunsch ja nicht. Wer möchte nicht lange leben – und zwar bitte bei bester Gesundheit, geistig wach, körperlich beweglich, immer neugierig? Das Problem beginnt erst, wenn aus dem Wunsch ein Wettbewerb wird. Wenn man nicht nur alt werden will, sondern besser alt als die anderen.
Die wahre Kunst des Alterns liegt vermutlich ganz woanders. Nicht im permanenten Gegensteuern, sondern im geschmeidigen Mitgehen. Im Wissen, dass nicht jeder Tag ein Selbstoptimierungsprojekt sein muss. Dass ein Spaziergang manchmal mehr bringt als die zehnte App zur Schlafanalyse. Und dass Gelassenheit kein Nahrungsergänzungsmittel ist, sondern eine Haltung – bislang jedenfalls noch nicht patentiert.
Natürlich gibt es auch die Schattenseiten: Pflege, Einsamkeit, Krankheiten, die keiner bestellt hat. Das gehört zur Wahrheit dazu, und es wäre töricht, es wegzulächeln. Aber vielleicht hilft gerade hier ein bisschen Humor. Nicht als Verdrängung, sondern als Gegenmittel zur Verbissenheit. Wer über sich selbst lachen kann, hat schon einen kleinen Vorsprung – ganz ohne Trackinggerät und ganz ohne monatlichen Bluttest.
Am Ende ist Altern keine Fehlfunktion, sondern ein ziemlich ausgeklügelter Prozess. Einer, der uns zwingt, Prioritäten zu setzen. Der uns lehrt, dass nicht alles schneller, höher, weiter gehen muss. Und der uns – ganz nebenbei – die Freiheit gibt, ein bisschen weniger perfekt zu sein.
Ewiges Leben? Klingt fürs Schorschla eher anstrengend als erstrebenswert. Lieber endlich – aber mit Stil. Und vielleicht mit der beruhigenden Erkenntnis, dass ein gutes Leben nicht daran gemessen wird, wie lange es dauert, sondern wie gelassen man es aushält. Ganz ohne Algorithmus, der einem sagt, wann man darüber lachen darf.

