Deutschland als WM-Statist, Nagelsmann und Kloppo werden „freigekauft“ und am Ende bekommen wir vielleicht doch noch alle Flügel …
Eigentlich sind Weltmeisterschaften für deutsche Fußballfans inzwischen erstaunlich entspannte Veranstaltungen. Nach dem Aus gegen Paraguay können wir die Spiele auf der anderen Seite des großen Wassers ganz ohne erhöhten Puls verfolgen. Statt hektisch den Taschenrechner für mögliche K.o.-Runden-Konstellationen zu bemühen, analysieren wir fachmännisch, warum die anderen es besser machen – und freuen uns diebisch, wenn sich der nächste Titelkandidat gleich mit verabschiedet. Geteiltes Leid ist schließlich internationales Fußballglück.
Ein kleiner Stich bleibt allerdings. Julian Nagelsmann darf sich nach dem frühen Aus immerhin mit rund sieben Millionen Euro zusätzlich zum Jahresgehalt in ähnlicher Höhe trösten. Umgerechnet sind das knapp 583.000 Euro im Monat, gut 19.000 Euro am Tag oder etwa 800 Euro pro Stunde – rund um die Uhr, auch dann, wenn gerade niemand eine Viererkette erklärt haben möchte. So betrachtet war das Aus gegen Paraguay zwar sportlich unerquicklich, finanziell aber eher ein Betriebsunfall mit weicher Landung.
Nun richtet sich der Blick nach vorn – und natürlich auf Jürgen Klopp. Kaum ist ein Bundestrainer Geschichte, wird der nächste bereits als Heilsbringer gehandelt. In Deutschland dauert die Trauer ungefähr so lange wie die Nachspielzeit, danach beginnt die Erlösungsfantasie. Kloppo soll kommen, den Bundesadlern endlich Flügel verleihen und aus einer Mannschaft, die zuletzt eher wie ein orientierungsloser Spatz wirkte, wieder einen majestätischen Schwarm machen.
Dass der DFB dafür wohl erst einmal tief in die Tasche greifen muss, stört die Euphorie kaum. Klopp müsste von Red Bull freigekauft werden, eine Ablöse im
mittleren einstelligen Millionenbereich steht im Raum. Dazu kommen neue Assistenten, Umbauten im Trainerstab und allerlei Nebenkosten. Kurz gesagt: Der DFB investiert künftig Summen, für die mancher Bundesligist eine komplette Abwehrreihe einkaufen würde.
Natürlich wird Klopp nicht zaubern können. Aber genau das erwarten viele. Ein paar motivierende Fäuste, ein breites Grinsen, ein emotionales „Come on!“ – und plötzlich sollen Passspiel, Zweikampfverhalten und Torabschluss wie von selbst funktionieren. Fußballromantik ist eben hartnäckiger als jede Defensivschwäche.
Während Deutschland also den nächsten Neuanfang plant, wird anderswo einfach weiter Fußball gefeiert. Norwegens Fans ruderten nach dem überraschenden 2:1 gegen Brasilien wieder gemeinsam durchs Stadion. Wikingerblut verpflichtet eben. Uns tröstet die Erkenntnis, dass selbst Carlo Ancelotti als bestbezahlter Nationaltrainer der Welt mit seiner Startruppe früh die Koffer packen musste. Geld schießt bekanntlich keine Tore – höchstens Schlagzeilen.
Und wir? Wir diskutieren weiter über den perfekten Bundestrainer, die ideale Formation und den großen Neustart. Vielleicht ist genau das unsere eigentliche WM-Disziplin. Weltmeister im Hoffen auf den nächsten Heilsbringer waren wir schließlich schon immer. Jetzt heißt er eben Jürgen Klopp.
Bis zur nächsten Blamage auf internationalem Boden. Dann beginnt die Suche nach dem nächsten Retter vermutlich schon wieder. Und wir rechnen wieder den utopischen Stundenlohn von Jürgen aus. It’s a big business!
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