Der Eurovision Song Contest ist die letzte große europäische Institution, die gleichzeitig an eine Familienfeier, einen geopolitischen Krisengipfel und einen Kindergeburtstag mit Nebelmaschine erinnert. Einst gegründet, um den Kontinent nach dem Krieg musikalisch zu versöhnen, ist der ESC heute vor allem der Ort, an dem zwölf Millionen Deutsche kollektiv „Wie bitte?“ rufen, wenn die Punktevergabe beginnt.
Früher war das alles noch überschaubar. Männer im Anzug sangen Chansons, Frauen trugen Abendkleider und man gewann mit einer Melodie statt mit einer LED-Wand im Gegenwert eines mittleren Flughafens. Damals standen Größen wie Udo Jürgens, Milva oder später ABBA auf der Bühne. Menschen mit Stimmen. Mit Liedern. Mit Texten, die nicht aus drei zufällig zusammengewürfelten englischen Begriffen bestanden wie „Fire“, „Gravity“ und „Heartbeat“.
Der ESC war einmal ein Gesangswettbewerb. Heute ist er eher eine Mischung aus TikTok-Algorithmus, olympischer Eröffnungsfeier und einem sehr teuren Betriebsausflug der europäischen Pyrotechnikindustrie. Gesungen wird zwar auch noch, allerdings meist gegen Windmaschinen, Flammenwerfer und Tänzer in futuristischen Raumanzügen an. Wer heute einfach nur ein Lied vorträgt, gilt bereits als mutiger Avantgardist.
Und Deutschland? Deutschland bleibt sich treu. Während andere Nationen strategisch Punkteblöcke schmieden, Influencer casten und ihre Beiträge monatelang viral vermarkten, schicken wir zuverlässig Menschen auf die Bühne, die wirken, als seien sie beim NDR-Sommerfest falsch abgebogen. Anschließend investieren wir Unsummen in Vorentscheide, Jurysysteme und „Neuausrichtungen“, nur um am Ende wieder auf Platz 24 zu landen. Diesmal immerhin Drittletzter. Ein Erfolg, den man in Berlin vermutlich bereits als „stabilen europäischen Mittelfeldkurs“ verkauft.
Dabei hat das deutsche Publikum längst verstanden, worum es beim ESC wirklich geht: bloß nicht gewinnen. Denn wer gewinnt, darf im nächsten Jahr ausrichten. Und das bedeutet heute nicht mehr ein paar Blumenarrangements und ein Orchestergraben, sondern ein Milliardenprojekt mit Drohnenshow, Nachhaltigkeitskonzept und 14 Kilometer langer glitzernder Bühnenrampe. Angesichts leerer Staatskassen wirkte der deutsche Punktestand deshalb fast wie verantwortungsvolle Haushaltspolitik.
Besonders bemerkenswert bleibt jedes Jahr die geografische Kreativität des Wettbewerbs. Australien nimmt inzwischen selbstverständlich teil, vermutlich weil Neuseeland zu vernünftig war. Israel sowieso. Vermutlich wird man demnächst auch Kanada einladen, „weil dort so viele Europäer wohnen“. Und warum eigentlich nicht? Der ESC war noch nie ein geographisches Projekt, sondern ein emotionales. Entscheidend ist nicht, wo ein Land liegt, sondern ob es genügend Zuschauer mobilisieren kann, um nachts um halb eins noch für ein Lied namens „Echoes of Silence and Thunder“ anzurufen.
Musikalisch bewegt sich der Wettbewerb ohnehin immer stärker in Richtung vollständiger Eskalation. Normale Popmusik reicht längst nicht mehr. Das Publikum verlangt Konzepte. Man singt heute nicht mehr einfach über Liebe, sondern über toxische Beziehungen zwischen Mensch und KI, während im Hintergrund ein brennender Halbmond aus der Decke fährt und drei Akrobaten rückwärts Geige spielen.
Und wohin führt das alles? Wahrscheinlich genau dorthin, wo Europa immer landet: in eine vollkommen absurde, aber erstaunlich unterhaltsame Zukunft. Vielleicht wird der ESC bald ausschließlich von künstlichen Intelligenzen komponiert. Vielleicht treten die Länder irgendwann holografisch gegeneinander an. Vielleicht entscheidet das Publikum künftig nicht mehr per Telefonvoting, sondern über emotionale Gesichtserkennung in Echtzeit.
Und nächstes Jahr? Da fährt der ganze Wanderzirkus vermutlich nach Bulgarien, dem sensationellen Gewinner des ESC 2026. Mit einem Beitrag zwischen Cyber-Folklore, Technobeat und traditionellem Dudelsack. Europa wird begeistert sein. Deutschland wird Zwölfter von hinten. Und irgendwo wird ein älteres Ehepaar leise eine Platte von Nicole auflegen und sich fragen, wann genau das alles eigentlich passiert ist. Bis dahin bleibt nur die Hoffnung auf „Ein bisschen Frieden!“ -bo
© EBU / Alma Bengtson

