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Es Schorschla: Eine Kulturgeschichte des Wunschzettels

Eine Kulturgeschichte des Wunschzettels

Wenn das vierte Kerzchen am Adventskranz leuchtet, wird alljährlich auch es Schorschla ein bisschen sentimental. Bei Plätzchen und Glühwein lässt es dann das fast vergangene Jahr Revue passieren und erinnert zurück, an die Zeiten, als die Eltern mit dem Spruch „unglaublich, wie die Zeit rennt“ beim jungen Schorschla nur für ungläubiges Kopfschütteln sorgten. Inzwischen – Sie wissen es selbst – rennt die Zeit wirklich. „Ja, ist denn schon Weihnachten …“ hatte der Kaiser einst gefragt. Und ja: Der geschmückte Baum steht und morgen freuen sich alle auf die große Bescherung. Frohe Weihnacht!

Ob dann Wünsche erfüllt werden oder man beim Auspacken an den „Markt der langen Gesichter“ denkt, bei welchem ja die Anti-Geschenke gleich wieder getauscht, weiterverschenkt oder gespendet werden, ist die große Überraschung des Heiligen Abends. Und es Schorschla hat in diesem Zusammenhang an den Sinn von Wunschzetteln sinniert. Wenn man ein bisschen in der Historie blättert, findet man schnell digitalisierte Dokumente aus dem Mittelalter, die belegen, dass Kinder früher keine Wunschzettel schrieben. Nicht etwa, weil sie keine Wünsche hatten – sondern weil sie einfach nicht schreiben konnten. Viel später, als Bildung sich mehr und mehr im Volk verbreitete, stand dann sinngemäß zu lesen: Lieber Heiliger Nikolaus, bitte erlöse uns von Pest, Hunger und diesem Winter.

Der Wunschzettel, wie wir ihn kennen, entstand irgendwo zwischen Christkind, Reformation und dem Moment, als Eltern merkten, dass man Kindern mit Papier erstaunlich gut Hoffnung verkaufen kann. Ursprünglich war der Zettel nämlich eher ein moralischer Leistungsbericht: „Ich habe meiner Schwester nicht an den Zöpfen gezogen, bitte belohne mich.“ Eine frühe Form des Jahreszeugnisses – nur mit mehr Glitzer und Lametta.

Im 19. Jahrhundert wurde es dann konkreter. Das Bürgertum entdeckte Weihnachten, die Spielzeugindustrie entdeckte Kinder und der Wunschzettel mutierte vom frommen Bittbrief zur Einkaufsanleitung. Der Weihnachtsmann wurde endgültig zum Logistikleiter mit globalem Lieferservice, und irgendwo zwischen Kaufhauskatalog und Laternenumzug ging die Bescheidenheit verloren.

Heute schreiben Kinder natürlich immer noch Wunschzettel. Also theoretisch. Praktisch bestehen sie aus Sprachnachrichten, Amazon-Links und dem Satz: „Ich hab’s dir doch schon geschickt.“ Der moderne Wunschzettel ist transparent, effizient und vollkommen illusionsfrei. Magie entsteht nur noch, wenn das WLAN mal ausfällt.
Die Inhalte haben sich ebenfalls verändert. Früher: ein Holzpferd, ein Buch, vielleicht eine Orange. Heute: Konsole, Zubehör, Updates, Erweiterungen. Besonders beliebt sind Wünsche der Kategorie „Ich weiß, das ist etwas teuer, aber Weihnachten ist ja nur einmal im Jahr.“ Unvergessen bleibt auch der Klassiker der Kleinsten: „Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir ein Pony. Falls das nicht geht, auch okay: ein Einhorn.“ Der Weihnachtsmann schätzt Kompromissbereitschaft sehr.

Am Ende ist der Wunschzettel ein Spiegel seiner Zeit. Früher bat man um Schutz, später um Spielzeug, heute um Akkulaufzeit. Und egal, wie er aussieht – er erfüllt bis heute seine wichtigste Funktion: Er erinnert Erwachsene daran, wie leicht man früher glücklich zu machen war. Mit Papier. Und einem Stift. Und der Hoffnung, dass da oben wirklich jemand mitliest.

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