Früher nannten wir es noch „Winter“ …
Die Katastrophenmeldungen der vergangenen Tage haben es Schorschla schon beeindruckt. Also nicht Iran, Ukraine, Venezuela, Grönland oder Gaza, sondern der prognostizierte „Jahrhundert-Blizzard“ in unseren Breitengraden. Ja, Vorsicht schön und gut. Aber immer diese Panikmache. Das kann schon nerven …
Früher nannte man es Winter, heute spricht und schreibt man von „extremen Wetterlage“. Sobald das Thermometer unter null sinkt, färben sich die Karten der Meteorologen senderübergreifend in Töne, die sofort für Daunenjackenflair auf der heimischen Wohnzimmercoach sorgen. Dunkelblau reicht da längst nicht mehr, inzwischen sind wir bereits bei einem dramatischen Lila angekommen. Offenbar die Farbe der kollektiven Überforderung. Minus zehn Grad? Im Januar? Wer hätte damit rechnen können?
Die Warnungen überschlugen sich. Es wird nicht nur schneien, extreme Schneeverwehungen drohen. Bis zu drei Zentimeter pro Stunde! Eine Angabe, die ungefähr so klingt, als würde jemand mit einem Lineal an der B4 stehen und die Flocken einzeln zählen. Schulen bleiben geschlossen, nicht weil Schnee liegt, sondern weil eventuell Frost auftreten könnte. Die Gesundheit der Kinder stehe im Vordergrund, heißt es dann von offizieller Seite. Früher war die Ankündigung frostiger Temperaturen gleichbedeutend mit „morgen früh die dicke Jacke anziehen“, heute sind diese „Wetterkapriolen“ eine pädagogische Gefahrenlage.
Die Mutter aller Wintermeldungen fürs Schorschla ist aber die Folgende: Der ADAC bittet darum, auf unnötige Autofahrten zu verzichten. Eine wichtige Klarstellung, denn offenbar gibt es Tage, an denen der ADAC ausdrücklich zu sinnlosen Spritztouren rät. „Heute 18 Grad, trocken – beste Voraussetzungen, um wieder einmal ein bisschen grundlos im Kreis herumzufahren. Der ADAC wünscht dabei viel Spaß!“ Wäre doch auch mal ein schöner Hinweis in den Nachrichten. Denn dass Autofahren bei Eis und Schnee eine schlechte Idee sein kann, ist offenbar im Jahr 2026 eine Erkenntnis, die ohne institutionelle Begleitung nicht mehr zugemutet werden kann.
Überhaupt scheint Denken zunehmend outgesourct zu werden. An Apps, an Warnstufen, an Pushmeldungen. Niemand fragt mehr: Was sehe ich? Was kann ich? Was ist vernünftig? Stattdessen: Was darf ich? Was sagt die Karte? Welche Farbe hat der Bildschirm? Grün: locker leben. Gelb – vorsichtig atmen. Rot – sofort stehen bleiben und auf neue Anweisungen warten.
Dabei passiert in diesen Tagen eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es ist kalt. Es schneit. Straßen können glatt sein. Das ist keine Apokalypse, sondern Winter in Mitteleuropa. Doch Normalität wird heute nur noch akzeptiert, wenn sie zertifiziert, moderiert und medial begleitet ist. Vielleicht gibt es ja inzwischen Genrationen, die diese Pseudo-Warnungen brauchen, um nicht übermütig zu werden. Und beim Whats App schreiben ungebremst gegen einen eiskalten Laternenpfahl laufen würden. Es sSchorschla möchte sich das gar nicht erst vorstellen …
Trotzdem an dieser Stelle eine Klarstellung: Natürlich ist Vorsicht geboten, wenn es schneit und friert und dann auch noch regnet. Niemand fordert, mit Sommerreifen durch den Schneesturm zu rasen oder Kinder im T-Shirt zur Schule zu schicken. Aber zwischen umsichtigem Verhalten und betreutem Ausnahmezustand liegt doch ein gewaltiger Unterschied. Wenn jede Wetterlage zur Krise erklärt wird, verliert das Wort „Krise“ irgendwann jede Bedeutung – und wir die Fähigkeit, selbst abzuwägen. Vielleicht wäre ja ein neuer Warnhinweis angebracht:
„Achtung: Eigenverantwortung könnte erforderlich sein.“ Aber dafür gibt es vermutlich noch keine passende Farbe.

