„Schnee von gestern“ …
… und „Denken von vorgestern“?
Es schneit. Nicht ein bisschen, nicht dekorativ, schon fast nicht mehr Instagram-tauglich. Also so richtig. Mit dicken Flocken, die auch noch liegen bleiben wollen. Mit Straßen, die plötzlich wieder das tun, was sie früher, als es Schorschla noch jung war, im Winter ganz oft getan haben: rutschig sein. Und zack – Stillstand. Keine Busse, keine Bahnen, keine Schule. Soweit, so winterlich.
Das eigentliche Glatteis beginnt allerdings erst danach: Bei der Kommunikation. Oder besser gesagt: Beim Warten auf diese. Montag morgen, 7.30 Uhr. Wenig bis keine offiziellen Meldungen. Unterricht, ja oder nein? In den kommenden Minuten dann ein klares „JEIN“: Die eine Schule löst den Winter so, die andere ganz anders. Hier Präsenzunterricht, dort Aufenthaltsmöglichkeiten für die Kinder, dort Totalausfall. Hoffnung, Panik, WhatsApp-Alarm, Eltern-Chaos und die kollektive Frage: „Darf mein Kind jetzt… oder nicht?“
Früher – ja, dieses gefährliche Wort – war angeblich alles schlimmer. Mehr Schnee. Kälter. Eisiger. Mammutwinter. Und trotzdem: weniger Drama.
Vielleicht, weil man damals etwas hatte, das heute unter Schneelasten zusammenbricht wie ein schlecht geräumter Gehweg: eigenverantwortliches Denken. Man schaute aus dem Fenster. Sah Schnee. Viel Schnee. Dachte: „Das wird nichts.“ Rief in der Schule an. Entschuldigte das Kind. Die freundliche Stimme im Sekretariat sagte: „Kein Problem, Sie sind heute schon die Nummer 21.“ Ende der Geschichte. Kein Liveticker, keine Push-Nachrichten, kein Ministerium im Krisenmodus.
Die Kinder, die kommen konnten, kamen. Die anderen eben nicht. Am Nachmittag wurde telefoniert – am Festnetz, mit Kabel und Wählscheibe – und besprochen, was man am Morgen verpasst hatte. Verantwortung wurde verteilt, nicht delegiert. Vertrauen war kein Risiko, sondern der Normalzustand.
Heute dagegen warten wir auf Durchsagen wie auf weißen päpstlichen Rauch. Eltern trauen sich nicht mehr zu entscheiden, Kinder dürfen es sowieso nicht, Lehrkräfte schauen auf Verordnungen und die
Politik schaut vermutlich auch aus dem Fenster, aber nur, um zu prüfen, ob der Schnee schon zertifiziert ist.
Vielleicht ist ja der Schnee gar nicht das Problem. Vielleicht ist er nur ein ehrlicher Spiegel. Er zeigt uns, wie sehr wir verlernt haben, selbst zu denken, selbst zu entscheiden und auch mal zu sagen: „Das ist heute einfach zu viel.“ An diesem Punkt gönnt sich es Schorschla einen heißen Glühwein im verschneiten Garten: „Auf den gesunden Menschenverstand!“

