Was wir von der WM über unseren Alltag lernen können
Wenn bei der Weltmeisterschaft Millionen Zuschauer den Atem anhalten, weil ein Spieler zum Elfmeter anläuft, scheint die Situation weit entfernt vom eigenen Alltag. Doch die mentalen Mechanismen hinter solchen Momenten sind keine Unbekannten: Leistungsdruck vor einer wichtigen Präsentation, hohe Erwartungen im Beruf, Angst vor Fehlern oder der Umgang mit Kritik. „Was auf dem Fußballplatz unter den Augen der Weltöffentlichkeit geschieht, erleben viele Menschen in kleinerem Maßstab jeden Tag“, berichtet Mentalcoach Michael von Kunhardt. Die WM bietet deshalb nicht nur sportliche Unterhaltung, sondern auch spannende Einblicke in mentale Prozesse, die weit über den Fußball hinausgehen.
Der Elfmeter-Moment: wenn alles von einem Augenblick abhängt
Kaum eine Situation steht so sehr für Druck wie ein Elfmeter in einem entscheidenden Spiel. Innerhalb weniger Sekunden scheint sich alles auf einen einzigen Schuss zu reduzieren. Die Angst zu versagen ist enorm, gleichzeitig wissen die Spieler, dass ein Erfolg sie zum Helden machen kann. „In solchen Situationen neigen Menschen dazu, ihren Fokus auf mögliche Konsequenzen zu richten“, erläutert der Mentalcoach. „Aber genau das erhöht den Druck und macht Fehler wahrscheinlicher.“ Ähnliche Situationen erleben viele Menschen im Berufsleben. Das Vorstellungsgespräch, die Abschlussprüfung oder die Präsentation vor der Geschäftsführung fühlen sich oft wie persönliche Elfmeter an. Hier rät der Experte zu folgender Strategie: „Viele Spieler nutzen vor Elfmetern eine Pre-Performance-Routine, also einen festen Ablauf aus Atmung, Blickfokus und Bewegung, um Ruhe und Konzentration zu gewinnen. Wer seinen Fokus auf die nächste Aktion richtet statt auf die möglichen Konsequenzen, reduziert Stress und erhöht die Wahrscheinlichkeit, sein Potenzial abzurufen.“
Die Last des Favoriten: wenn Erfolg erwartet wird
Frankreich, England, Spanien – bei jeder WM gibt es Mannschaften mit guten Chancen auf den Titel. Doch genau diese Rolle kann zur Belastung werden. Aus dem Wunsch zu gewinnen wird die Angst zu verlieren. „Wer einmal erfolgreich war, spürt häufig den Druck, diesen Status dauerhaft bestätigen zu müssen“, weiß Michael von Kunhardt. „Fehler werden stärker wahrgenommen, während ein Gelingen als normal gilt.“ Auch im Alltag kennen viele Menschen dieses Gefühl. Die Führungskraft, die konstant gute Ergebnisse liefern soll. Die Studentin mit Bestnoten. Der Mitarbeiter, der als Leistungsträger zählt. „Um mit Favoritendruck umzugehen, setzen viele Profis auf Aufgaben- statt Ergebnisorientierung. Der Fokus liegt auf der eigenen Rolle und den taktischen Vorgaben, nicht auf dem Titelgewinn“, erläutert der Experte. „Wer sich ausschließlich über Erfolge identifiziert, macht sich psychisch extrem abhängig von äußeren Ergebnissen.“
Die Stärke der Underdogs: warum Außenseiter oft verblüffen
Fast jedes Turnier schreibt seine eigenen Überraschungsgeschichten. Teams, denen kaum jemand etwas zutraut, wachsen plötzlich über sich hinaus und schlagen vermeintlich stärkere Gegner. „Underdogs haben häufig einen entscheidenden mentalen Vorteil: Sie können freier spielen“, erklärt der Mentalcoach. „Während Favoriten etwas zu verlieren haben, können Außenseiter vor allem gewinnen. Das schafft oft mehr Mut, Kreativität und Risikobereitschaft.“ Wer im Alltag eine neue Aufgabe übernimmt, ein Unternehmen gründet oder einen beruflichen Neustart wagt, findet sich genau in dieser Rolle wieder. „Viele Underdogs im Spitzensport profitieren vom Growth Mindset, also der Überzeugung, dass Fähigkeiten durch harte Arbeit, Strategie und Lernen entwickelt werden können. Diese Methode nimmt ihnen den Druck, stellt den eigenen Entwicklungsprozess nach vorne und sieht Herausforderungen als Chance.“
Zwischen Social Media und Schlagzeilen: der Umgang mit Kritik
Kaum ein WM-Spiel vergeht ohne öffentliche Bewertungen. Spieler werden gefeiert, kritisiert oder innerhalb weniger Tage vom Hoffnungsträger zum Sündenbock erklärt. Die permanente Beobachtung stellt eine enorme mentale Belastung dar. „Unser Gehirn reagiert besonders sensibel auf negative Rückmeldungen. Ein kritischer Kommentar bleibt oft länger hängen als zehn positive“, erläutert Michael von Kunhardt. Auch außerhalb des Sports sind Bewertungen allgegenwärtig: Feedbackgespräche, Kundenbeurteilungen, Kommentare in sozialen Netzwerken oder kritische Rückmeldungen von Kollegen können das Selbstvertrauen beeinträchtigen. „Profis trainieren selektive Aufmerksamkeit, indem sie konstruktives Feedback von bloßen Meinungen unterscheiden und sich bei Turnieren teils bewusst von Social Media abschirmen.“ Auch im Alltag ist es hilfreich, Kritik danach zu bewerten, ob sie konkret weiterhilft oder nur verunsichert.
Wenn Fehler passieren: Es gibt keine Perfektion
Selbst die besten Fußballer der Welt leisten sich Patzer. Sie verschießen Elfmeter, spielen Fehlpässe oder treffen falsche Entscheidungen auf dem Platz. Der Unterschied liegt oft nicht in der Handlung selbst, sondern im Umgang damit. „Mentale Stärke bedeutet nicht, keine Fehler zu machen“, resümiert der Mentalcoach „Sie zeigt sich darin, wie schnell jemand nach einem Rückschlag wieder aufsteht.“ Jeder Mensch erlebt im Alltag Niederlagen: ein gescheitertes Projekt, eine Absage, einen Konflikt oder eine verpasste Chance. Wer sich zu lange damit beschäftigt, verliert Energie für den nächsten Schritt. „Viele Spitzensportler arbeiten nach dem Prinzip der Next Play Mentality: Nach einem Fehler zählt nicht der Patzer, sondern die nächste Aktion.“ Es geht darum, Rückschläge zu analysieren, daraus zu lernen und den Fokus anschließend konsequent auf die Zukunft zu richten.
Weitere Informationen unter: https://www.vonkunhardt.de/
Kurzprofil:
Michael von Kunhardt ist Speaker, Mentalcoach und Experte für Spitzenleistungen und mentale Stärke. Er arbeitet mit Profisportlern, Nationalmannschaften und Olympiasiegern ebenso wie mit internationalen Top-Unternehmen und DAX-40-Konzernen. Als Gründer der von Kunhardt Akademie am Schloss in Dehrn begleitet er Führungskräfte, angehende Speaker, Coaches und Buchautoren sowie Privatmenschen in ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Der Erfahrungsschatz des diplomierten Wirtschaftswissenschaftlers mit zusätzlichem Studium in Sport und Soziologie gründet auf einer langjährigen Erfahrung im Leistungssport: 15 Jahre Hockey-Bundesliga, mehrfacher Deutscher Meister sowie seit 2011 kontinuierlich Spieler der Senioren-Hockeynationalmannschaft.

