Wenn der gesunde Menschenverstand Pause macht
Über den Klimawandel kann man streiten, ihn kleinreden oder Horrorszenarien an die Wand malen. Doch über eines muss man mit dem Schorschla aktuell nicht diskutieren: Die vergangenen Tage sind in weiten Teilen Europas alles andere als ein normaler Sommer. Temperaturen nahe oder sogar jenseits der 40-Grad-Marke sind für unsere Breiten eine Ausnahmesituation. Gleichzeitig herrscht in großen Teilen Oberfrankens höchste Waldbrandgefahr – stellenweise mit der Waldbrandstufe 5, der höchsten Warnstufe auf der Skala.
Die Folgen sind nicht nur fürs Schorschla längst sichtbar. Luftbeobachter kreisen über den Wäldern, um Brände möglichst früh zu entdecken. Feuerwehrleute stehen in erhöhter Alarmbereitschaft, weil ein kleiner Funke ausreichen kann, um eine Katastrophe auszulösen. Hitze und Dürre sind längst keine theoretischen Folgen des Klimawandels mehr, sondern Realität direkt vor unserer Haustür.
Und dennoch drehen sich die Diskussionen vielerorts nicht darum, wie man Risiken vermeidet, sondern wie man sie umgehen kann. Kaum werden Johannis- oder Sonnwendfeuer untersagt, beginnt das große Ringen mit den Behörden. Es wird diskutiert, protestiert, nach Schlupflöchern gesucht. Mancher schimpft auf Bürgermeister oder Ordnungsämter, weil sie kein grünes Licht für das traditionelle Feuer geben. Dabei tragen genau diese Verantwortlichen die Konsequenzen, wenn aus einem Brauchtumsfeuer ein Flächenbrand wird. Diejenigen, die heute am lautesten ein Feuer fordern, würden für einen möglichen Großeinsatz wohl kaum die Verantwortung übernehmen.
Natürlich geht es bei den Johannifeuern um mehr als nur ein paar brennende Holzstapel. Es geht um Tradition, um Dorfgemeinschaft, um Volksfeste und um wichtige Einnahmen für Vereine. All das ist verständlich und wertvoll. Doch Tradition darf niemals wichtiger sein als Vernunft.
Denn worüber reden wir eigentlich? Über ein paar Stunden Unterhaltung. Über einen schönen Abend. Dem gegenüber stehen Wälder, die so trocken sind wie selten zuvor, Häuser, die im schlimmsten Fall bedroht werden, und Feuerwehrfrauen und Feuerwehrmänner, die ohnehin seit Tagen in Habachtstellung sind. Muss man für dieses Vergnügen wirklich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und das Risiko eines Großbrandes in Kauf nehmen?
Gesunder Menschenverstand bedeutet manchmal auch, auf etwas zu verzichten. Nicht, weil es verboten wird, sondern weil es in der jeweiligen Situation schlicht unvernünftig wäre. Feiern kann man auch ohne meterhohe Flammen. Gemeinschaft entsteht nicht erst, wenn ein riesiger Holzstoß brennt.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Nicht jede Möglichkeit auszureizen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Wer bei höchster Waldbrandgefahr unbedingt auf einem Großfeuer besteht, beruft sich zwar auf Tradition – handelt aber zumindest fahrlässig. Denn manchmal ist der Verzicht das deutlich stärkere Zeichen als das Anzünden eines Feuers.
Gesunder Menschenverstand sollte keine Ausnahme sein. Gerade in Ausnahmesituationen.

