Eigentlich sollte es wieder einmal ein Sommermärchen werden. Was könnten wir in der aktuellen Stimmungslage besser gebrauchen? Doch stattdessen wurde es erneut ein Desaster – passend zum allgemeinen Volksgejammere im Weltmeisterland von 54, 74, 90 und 2014.
Das WM-Aus gegen Paraguay nach einem denkwürdigen Elfmeterschießen hält der einstigen Fußball-Weltmacht einmal mehr den Spiegel vor. Wir leben von Erinnerungen. Früher war alles besser. Oder?
„Der Gerd Müller hätte den gemacht.“ Mag sein. Doch diese Diskussion bringt uns nicht weiter. Genauso wenig wie die Frage, ob das 2:1 nun regulär war oder nicht. Ein Tor ist ein Tor, wenn der Schiedsrichter pfeift – und der VAR nichts dagegen einzuwenden hat. Auch das war früher anders.
Es flossen Tränen, die Enttäuschung im Land ist greifbar. Zugegeben: Durch das frühe Ausscheiden blieb uns vielleicht ein Debakel gegen Frankreich im Achtelfinale erspart. Doch eine Niederlage gegen Paraguay schmerzt mindestens genauso. Oder vielleicht noch viel mehr. Wer zurücktritt, wer bleibt, ob Julian Nagelsmann weiter an der Linie schmollt und schimpft und wer beim DFB endlich den Mut hat, nicht nur Köpfe auszutauschen, sondern Strukturen zu verändern – das steht in den Sternen.
Eines ist aber nach den vier Spielen in Amerika sicher: Es war schon vermessen, von großen Erfolgen in Übersee zu träumen. Schließlich tun wir uns ja bereits im eigenen Land schwer, mit Innovation, Kreativität und Entschlossenheit zu überzeugen. Und genau darin liegt die eigentliche Parallele. Dieses Turnier war mehr als ein sportlicher Rückschlag. Es wirkt im Rückblick wie ein Sinnbild für den Zustand Deutschlands. Auch in der Politik reden wir häufiger über Verwaltung als über Visionen. Entscheidungen dauern, Kompromisse werden zum Selbstzweck, und während andere längst handeln, diskutieren wir noch über Zuständigkeiten.
Die Industrie, jahrzehntelang das Rückgrat unseres Wohlstands, kämpft mit hohen Energiepreisen, internationalem Wettbewerbsdruck und einer Transformation, die schneller verläuft, als manche Unternehmen Schritt halten können. Im Handel wächst die Unsicherheit, Investitionen werden verschoben, Konsum bleibt vielerorts verhalten.
Wirtschaft insgesamt sucht nach neuem Schwung. Deutschland lebt noch immer von seiner Substanz, seinem Know-how und seinem guten Ruf. Doch ein guter Ruf allein gewinnt keine Weltmeisterschaften – und sichert auch keine Zukunft.
Im Rentensystem wird seit Jahren gerechnet, verschoben und vertagt. Jeder weiß, dass Reformen notwendig sind. Doch niemand möchte sie wirklich anpacken. Das Gesundheitswesen stößt vielerorts an seine Grenzen. Ärztemangel, Pflegekräftemangel, Bürokratie und lange Wartezeiten belasten Patienten ebenso wie Beschäftigte. Das System funktioniert noch – aber oft nur mit großem persönlichem Einsatz derjenigen, die es tragen.
Und unser Bildungssystem? Auch dort leben wir häufig von alten Erfolgen. Während andere Länder konsequent in Digitalisierung, moderne Lernkonzepte und individuelle Förderung investieren, diskutieren wir noch über Kreide, WLAN und Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern.
Natürlich ist nicht alles schlecht. Deutschland gehört weiterhin zu den wirtschaftlich stärksten Nationen der Welt. Unsere Unternehmen entwickeln Spitzentechnologie, unsere Wissenschaft genießt international hohes Ansehen, Millionen Menschen engagieren sich täglich für dieses Land.
Genauso verfügt auch der deutsche Fußball weiterhin über enormes Potenzial. Doch Potenzial allein reicht nicht. Es muss auf den Platz gebracht werden.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre dieser Weltmeisterschaft. Erfolg entsteht nicht aus der Erinnerung an vergangene Triumphe. Vier Sterne schießen keine Tore. Und die Exportweltmeister vergangener Jahrzehnte lösen auch nicht automatisch die Herausforderungen von morgen.
Wer dauerhaft an der Spitze bleiben will, muss bereit sein, sich immer wieder neu zu erfinden. Mit Mut statt Mutlosigkeit. Mit Tempo statt Verwaltung. Mit Ideen statt Ausreden.
Dieses WM-Aus war mehr als nur eine sportliche Niederlage, es war ein Weckruf. Denn die entscheidende Frage lautet nun nicht, wer den letzten Elfmeter verschossen hat. Sondern ob Deutschland – auf dem Fußballplatz wie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – endlich wieder lernt, nach vorne zu spielen.

